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Editorial

Ausgang Haltaweg

Von Geheimnissen erfährt man an Bahnhöfen. Wenn man im schüchternen Zentrum von Düdingen dem Dorf mit leicht zugekniffenen Augen vor die Idylle steht, sich ein paar mal dreht, die Orientierung verliert, nach der Grenze fragt, dort beginnt ein Weg. Der Gang der kleinen Strasse entlang Richtung Kilbi fühlt sich an wie durch einen irrsinnig schönfarbig gestrichenen Tunnel durchs Kraut zu gehn. Der Himmel ist blau, und mal ist er unten, oder der Boden grau. An den Wänden hängen stillschweigend Quartiere, Girlanden und farbige Lampenschirme aus modernen Stoffen, Bilder von Jo Siffert und Jean Tinguely oder welche von draussen verzieren deren Drinnen. Ein rosaroter Kleinwagen entschuldigt sich beim Überholen. Wir verzeihen. Da geht man durch, man will es sogar, fühlt sich nie beobachtet, trägt gefüllte Papiersäcke aneinander vorbei. Man trinkt den Tee in Wanderschuhen, den Kaffee, dunkel oder hell in zu kurzen Hosen, oder was es sein dürfen soll. An den Ufern der N1, spielen Logos Rollenspiele. Vertraute, heimelige Szenen und Stimmungen, die uns motivieren, dieses Fest wieder zu begrüssen. Mit all den tollen Helfenden und Traktor. Das ist unsere Kultur. 

Die Rausfahrt führt zu einer Vergnügungsasphaltsanstalt, zu einem Spielplatz hinter dem Haus. Ein fröhliches, harmonisches, weiches und einfaches Gelände das funktioniert und das ganz toll tönt. Fünf vor Sommer oder zehn nach Seltsamkeit. Tieffliegende Seerosen, Musik, Raps, Geräusche aus Musikdosen oder Jazz aus allen Ecken und Nischen. Manches durch- und miteinander. Dirigiert oder ungezähmt wild. Weiter unten das Paradies. Der See schimmert verschwommen, die Verschiedenheiten verschwinden. Fröhliches Treiben, gute Stimmungen wie Sand am See. Die Gegenwart schwankt in Verschwiegenheit hin und her. Es sind dankbare Orte, die vor dem Wahnsinn der Gesellschaft und der Zeit befreien.

Sounds Fiction

Aus Kuriositäten, Kompositionslosigkeiten, geplant planlosen Aneinanderungen von Gabber und Punk, Abspielen zwischen Partyklarinette und Hip-Hop entstehen Collagen und Geschichten. Eigenartig panierte Sounds die das klare Konzept und die leichte Verdauung verweigern. Es darf auch mal ein bisschen umständlich bleiben um Grenzen zu überschreiten. Ist es Psychedelik?

Perfektion ist nicht etwas das wir gut verstehen. Startaufstellungen verwirren. Muss das so klingen? Fragen überall. Wichtig ist uns Haltung, Respekt, vor Allem. Mal erkennt man was, mal nicht. Dann wird aus einer Schrift ein Gesicht. Aus einem Lied ein Gedicht. Aus Fehlern eine Portion Frites.

Wir reden von Programmation, Kuration, Inspiration und viel Fleissarbeit. Der Rest ist Zufall. Die Kilbi ist so einer.

Hallo / Do 30. Mai 2019

Zusammen beginnen mit verrückten Klängen und spinnen mit Eröffnungszeremoniellem. Das ENSEMBLE BABEL-LEON ertönt zuerst versteckt in der Ruhe Natur, dann wird als grosse Kapelle unter den Bogen verschoben. Es groovt in der Kathedrale. DJ MARCELLE bespielt das Lautsprecherorchester, THE BURDEN REMAINS erzählen von wo der Metal die Post her hat, und TWIXT nehmen das Haus mit einem unglaublichen Lärmhörspiel auseinander. Ist das noch Musik? Bitte lasst uns, wir sind gerne umzingelt.

Im Zentrum all der Kontraste steht SOPHIE HUNGER. Sie ist das eigentliche Wunder von Bern. Sie liebt, lebt den Punk,Hip-Hop, Folk schon seit als Kind. Von all diesen Sounds wird sie an der Kilbi getragen, die vier Frauen gefeiert. Keine Angst. Nur Lust. Sie trägt die Krone. Uns der elektronische Teppich.

Eine intensive Show mit Gebrüll, Noise, Elektronik im Experimentalbereich, Performance wild und was auch immer. Das erwartet uns von YVES TUMOR. Haltet euch fest. Der Moment könnte weit oben hängenbleiben.

Dieser ebenso. Stockfinster aber nicht ohne Humor. Das Rapertoire von JPEGMAFIA ist vielfältig. Er ist nicht zu fassen. Das wird sich nicht ändern. Wenn Trap-Musik das Geräusch der Straße ist, dann ist JPEGMAFIA das Unterbewusstsein der Falle. Steht überall und klingt gut so. Der ist Punk, nimmt kein Blatt vor den Mund.

Turn One Two / 31. Mai 2019

Der geniale Italiener FURTHERSET macht den Strom an. Ein junger, verrückter Komponist. Die Bilder kommen aus den Boxen. Grooves, Samples und Melodien vom Soul, Disco oder R’n’B der 60er und 70er Jahre, Rhytmusstrukturen von Housemusik und Jazz. Festhalten. Das wird eine verrückte Stunde Musikgeschichte aus Chicago von RP BOO, SEYMOUR WRIGHT und PAUL ABBOTT. Dann folgt eine surreale Weile. Unvorstellbar wer solche Musik komponiert, spielt oder fühlt. Vielleicht KATE NV, mit uns.

Wenn es eine gibt, hat SOPHIE sie im Sinn. Die Zukunft, die der Popmusik. Alle wollen tönen wie die schottische Produzentin. Ein Traum, eine Vision, das Elektrospektakel des zweiten Kilbiabends. Der ideale Treffpunkt. Von hier aus ist es allen, auch den Richtungen egal.

SLOWTHAI ist der aktuell spannendste Rapper Englands. Wenn er es trotz sanften grünen Wiesen schafft seine Energie, seine haarsträubenden Aussenseitergeschichten rauszurappen, dann Gesundheit meine Lieben.

Was ist bloss mit Typen wie BLACK MIDI los. Die vier sind kaum zwanzigjährig. Sie sind die Gejagten. Frenetisch gefeiert von der Presse. Sie sind DIE Gitarrenband der Stunde in England. Aber das interessiert sie nicht. Oder zumindest weniger als die Musik von Deerhoof oder Talking Heads. Live sind BLACK MIDI im Moment einzigartig, und sie haben unglaublich Energie.

Irgendwann ist Schluss mit Liedern. Oder doch nicht? OKTOBER LIEBER verstehen was anders. Sie machen keinen Unterschied zwischen Experiment und Clubbing. Ich tanze neben mir. Du auch? Synthie-Wave, Techno, so geile Musik wird irgendwer denken. Wetten?

Tune In / 1. Juni 2019

Dreibühnenorchester. KOCH, SCHÜTZ und anstatt Studer SARTORIUS dirigieren. Je drei Musiker*innen spielen gleichzeitig auf allen drei Bühnen. Im Mittelfeld hört man alles gleichzeitig. Bewegung macht die Mischung. Ein Spektakel mit Tentakeln aus Klängen und Getrommel. Baumeister ist der ZITZ.

Unfassbar. Die Performerin, Künstlerin, Musikerin RENÉE VAN TRIER verschwindet in ihrem eigenen Universum, in einer Fabelwelt, und sie zieht uns alle rein, vielleicht in den See. 

Niemand darf alles. Alles darf gefallen, aber nicht allen. TOMBERLIN klingt nach einer Einladung, nach einem Geheimnis aus Pop und viel Dringendem. Das ist ein Tornado.

Stell mich auf ein Podest und ich werde dich enttäuschen, singt COURTNEY BARNETT. Aber die ist richtig gross geworden. Die leidenschaftliche, trickreiche und linkshändige Gitarristin ist eine richtig tolle und natürliche Performerin. In ihren Velevet Underground-artigen monotonen Songs und den lauten, sturen Riffs vergisst man sich schnell oder alles.

Über die Londoner SONS OF KEMET wurde schon einiges geschrieben und verhandelt. Ob No Wave, Fake Jazz oder Postpunk, wir verstehen höchstens, wie wir gerne und davon leben, und deshalb, dass man dazu tanzt und sich freut. So frei zu sein wie die Musik mit all ihren Bass Culture Einflüssen. Der Bandgründer Saxofonist SHABAKA HUTCHINGS ist eine zentrale Figur der Londoner Szene und dieser Kilbi. Am Nachmittag spielt er schon mit THE COMET IS COMING.

Die Südkoreanerin aus New York oder umgekehrt singt Koreanisch. Das fühlt sich so an wie ein Geheimnis. So klingt auch ihre Musik. YAEJI zum Abschluss könnte so was werden wie sich verlieren und sich neu verlieben. Irgendwo zwischen Techno und House, immer noch im Underground. Und ihre Musik gefällt so gut! Behaltet sie, als Stern.

CHE!

Wir springen Seil und hören FREDERIK. Nach dem Konzert gibt es ein Picknick. Weil es anders grad Spass macht. Dunkel, flockig, neuartig und fliegend sein Konzert.

Pogo mit TOMMY LOBO. Bio Rap. Aus dem Keller. Wer skoren will, Ellbogen raus oder blinken vor dem Abliegen.

Den minimalistischen und repetitiven Techno von TRESQUE gibts als Rave und abstraktem Soul-Anteil. Es werde leicht. In knapp einer Stunde ist man weit damit. Vielleicht in Afrika, bei DJ RAPH.

Zu zweit reicht. Weniger ist mehr. Die zwei CYRIL CYRIL sind grossartig. Ihre Riffs und Rhythmen bezwingen die Kontrolle des Publikums mit Leichtigkeit. Ab in Trance.

Aus gutem Haus, dem Mouton Noir in Fribourg, kommen die beiden Köter HORSE, I’M VIRUS. Elektronische Musik wie früher, oder wieder, in besetzten Häusern.

Circa

Literatur in Echtzeit. Die Schriftstellerin Michelle Steinbeck schreibt frei aus der Tastatur und frisch in der Natur. Täglich können während mehreren Stunden ihre Gedanken auf einem Bildschirm mitgelesen werden. Hausgemachtes, Geträumtes oder Inspirationen. Gäste, Vögel und Duelle sind willkommen. Die Performance findet auf dem Gelände statt, und heisst «Live Stream Of Consciousness».

See

DOMINIC OPPLIGER liest sein Buch, PAPIRO synthetisiert dazu. Der Text ist ein Blues. Die Sprache hat einen Tick. Kein Gramm normal, aber rhythmisch. PAPIRO mit elektronischen Tönen in der Psychedelik und schon Übermorgen. 

Am See wir gejodelt und gegeigt und getrommelt. NOLDI ALDER & BEATRICE GRAF tun dies als Premiere zusammen, und EMILIE ZOÉ singt ihre Songs, alleine an Gitarre, den Fischerbooten, Hechten und Eglis entgegen.

Take Away

In der Ortlosigkeit der vernetzten Welt, brauchen wir Altmodisches. Rituale, Präsenz, Nähe, Begegnungen, eine Pause. Abseits von Konzerten darf auch geredet werden. Und das Zuhören ist ebenso schön. Geräuschen, aber vor allem den Menschen. Da draussen ist der Ort für Spaziergänge, oder alleinstehenden Kirsch- oder Apfelbäumen Grimasken zu schenken.

Irgendwann werden letzte Worte der auftretenden Künstler*innen von Chören gesungen.
Irgendwie haben wir noch nie was selber erfunden.
Irgendwas ist schön da unten.

Die Kilbi und das Team dankt allen, die von Musik aus zu begeistern sind, und sich für unsere Vereinsversammlung interessieren.

Love me or try.

Tonverein Bad Bonn
Daniel Fontana

Linn Da Quebrada